2025 Michelsberg (RO)
Predigt
Predigt über Johannes 16, 33b, KEP-Kongress, Michelsberg, 18.06.2025
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, (sagt Christus), ich habe die Welt überwunden.“
In der Welt habt ihr Angst. Ich jedenfalls. Ich schlage die Zeitung auf. Was ich sehe, was ich lese - vieles erfüllt mich mit Traurigkeit. Anderes mit Sorge. Wieder anderes erschreckt mich. Oder es macht mir Angst. Es lähmt mich. Es lässt mich ratlos zurück.
Ich rede mit Freunden darüber. Aber die Ratlosigkeit steigt. Oder mit Menschen, die anders hören, sehen, empfinden als ich. Und die Ratlosigkeit wird noch größer.
Hat jemand von euch Antworten? Befreiende Antworten? Einen Schlüssel zum Beispiel zur Lösung des Krieges in der Ukraine und in Russland? Einen Schlüssel zur Überwindung des Hasses in Israel und Palästina? Einen Schlüssel zu gerechten Verhältnissen zwischen Völkern, Religionen, wirtschaftlichen Systemen? Zu mehr Klimagerechtigkeit? Zu allgemein anerkannten rechtsstaatlichen Verfahren an den Grenzen in Europa? Und hat jemand von euch einen Schlüssel zum Verständnis der christlichen Konfessionen untereinander - in dem einen Geist Jesu Christi?
In der Welt habt ihr Angst. Ich jedenfalls. Denn ich habe solche Schlüssel nicht. Am Ende unserer Tagung nicht und am Ende meines Lebens im Dienst eines Pastors und Predigers des Evangeliums auch nicht.
Also schlage ich die Zeitung lieber zu. Oder nein, doch nicht. Denn da steht etwas, das macht mir keine Angst. Im Gegenteil. Es bereitet mir Freude.
Von einem Programm zur Aufforstung im Regenwald durch internationale Freiwillige in Brasilien ist da zu lesen. Und von einer Friedensinitiative von Frauen im Sudan. Vom Orchester lese ich, in dem Israelis und Palästinenser, Juden, Muslime und Christen einträchtig miteinander musizieren. Und von einer Regierung, die an ihrer eigenen, unbarmherzigen Migrationspolitik scheitert. Und ich lese von der ehrlichen Diskussion darüber, ob der Besuch einer Gedenkstätte in einem der ehemaligen Konzentrationslager nicht eine gute pädagogische Maßnahme für Schülerinnen und Schüler gegen das Vergessen sein könnte.
Es gibt sie doch, die guten Nachrichten. Sie stehen vielleicht nicht auf Seite 1 meiner Zeitung, aber sie sind doch da.
Und solche Nachrichten stimmen mich froh. Und sie machen mich zuversichtlich und manchmal auch ein wenig mutig. Denn ich will nicht resignieren und schon gar nicht vor lauter Traurigkeit, Kummer, Entsetzen und Angst erstarren wie das berühmte, sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.
Aber, liebe Schwestern und Brüder in Christus, damit ist nicht alles gesagt. Denn mit den Ereignissen unserer Zeit, den furchtbaren wie den beglückenden, bleiben wir gebunden an die Welt. Wir agieren und wir reagieren im Rahmen dessen, was uns umgibt. Wir sind Kinder unserer Zeit. Wir haben im Gepäck unseres Lebens, was uns von Kind an geprägt hat. Manches davon schütteln wir ab. Anderes kommt hinzu.
Wir erkennen, was uns ausmacht, nur in der Rückschau. Die Zukunft indes bleibt uns verschlossen. Wie ein Ruderer sehen wir nur, was hinter uns liegt, niemals, was vor uns liegt. Menschen, die behaupten, die Zukunft zu kennen und die Rezepte einer wünschenswerten Zukunft zu besitzen, ist mit allergrößter Vorsicht zu begegnen. Sie denken und handeln nach den Regeln dieser Welt. Und sie handeln allermeist zu ihrem Vorteil. Auch das ist ein Grund, mutlos zu werden und Angst zu bekommen.
Uns geht es also nicht besser als den Jüngern, von denen Jesus sich verabschiedet. Sie leben in unruhigen Zeiten voller Härte und Brutalität. In langen Reden versucht Jesus, sie zu stärken:
<< Ich gehe weg, aber ihr bleibt nicht allein. Ihr werdet mich nicht mehr sehen, aber ich werde euch immer trösten. Ihr könnt euch freuen, denn ich gehe zu Gott - zu meinem und eurem himmlischen Vater. Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen. Wenn ihr in mir bleibt, bleibe ich in euch. Wenn ihr einander liebt, bin ich bei euch. Und wenn es Zeit wird, hole ich euch zu mir. Aber vorher muss ich schon mal los, um eure zukünftige Wohnung zu klarieren . >> (nach Joh., Kap. 13-16)
Es ist, als könne Jesus sich nicht trennen. Zu sehr liebt er die Gefährten seiner am Intensivsten gelebten Jahre.
Auch Petrus, der in Gethsemane mit dem Mut der Verzweiflung zur Waffe greifen wird und der in derselben Nacht voller Angst Jesus verleugnen wird.
Und Jesus liebt auch Judas. Ja, gerade auch Judas, der so voller Angst ist, dass er Jesus lieber verrät, als ihn in sein selbstgewähltes Verderben rennen zu lassen.
Ja, es ist, als könne Jesus sich nicht trennen. Als müsse er diesen ängstlichen und an die Welt gebundenen Haufen irgendwie zusammenhalten.
„In der Welt habt ihr Angst.“ Jesus weiß das. Er kennt seine Gefährten. Er kennt die Menschen. Er kennt uns. - In der Welt haben wir Traurigkeit und Angst. „Aber seid getrost“, sagt Christus, seid mutig. „Ich habe die Welt überwunden.“
<< Ich bin nicht mehr gebunden an diese Welt. Ich bin frei; ich bin frei, den Weg zu gehen, der mir von meinem himmlischen Vater zugedacht ist. Darin, und nur darin habe ich Frieden. >>
Diesen „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Joh. 14, 27)
Das alles steht nicht in meiner Zeitung. Denn: Only bad news are good news. Aber es steht in meiner Bibel, the really good news. Und ich feiere es in der Gemeinde. Und es erfüllt mein Herz mit großem Trost und mit guter Zuversicht. Und es erfüllt mich mit - bislang immer noch - unerschütterlicher Hoffnung - trotz mancher Traurigkeit und Angst, die auch da sind, solange ich an die vorfindliche Welt gebunden bin.
Denn mit Christus bin ich - sind wir - schon längst verbunden mit der neuen Welt - wo der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein wird, sondern Friede. (nach Apg 21, 4)
Jetzt sind wir noch in stürmischer See unterwegs und manche Panik greift nach uns. Doch glaubend schon tasten wir uns voran, den Horizont der Hoffnung fest im Blick - und am Ende wird Friede sein, endlich Friede.
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, (sagt Christus), ich habe die Welt überwunden.“ Und wir mit ihm.
AMEN
(Colours Of Grace 27- In dir ist Freude)